Von Sebastian Kraus7 Min. LesezeitValve hat gerade keine ruhige Minute. Während Millionen Gamer täglich entspannt durch die Steam-Bibliothek scrollen, häufen sich im Hintergrund die juristischen Baustellen: Die Bundesnetzagentur hat Ermittlungen eingeleitet, und aus den Niederlanden rollt eine Sammelklage über 220 Millionen Euro heran. Zwei völlig unterschiedliche Fronten, zwei völlig unterschiedliche Vorwürfe – und beide treffen Valve zur gleichen Zeit.
Doppelte Bedrohung: Was gerade gegen Steam läuft
Steam ist nicht irgendeine Plattform. Mit geschätzten 130 Millionen aktiven Nutzern weltweit und einem Marktanteil, der im PC-Gaming-Bereich schlicht konkurrenzlos ist, hat Valve über zwei Jahrzehnte eine Infrastruktur aufgebaut, an der kaum ein Publisher oder Entwickler vorbeikommt. Wer PC-Spiele verkauft, verkauft sie auf Steam – oder kämpft gegen den Wind.
Genau diese Marktmacht macht Valve zum attraktiven Ziel für Kläger und Regulierer gleichermaßen. Dass jetzt sowohl eine europäische Behörde als auch niederländische Spieler gleichzeitig losschlagen, ist kein Zufall – es ist das Ergebnis eines wachsenden Drucks, den großen Plattformen endlich auf die Finger zu schauen.
Plantation Simulator: Das Spiel, das die Bundesnetzagentur auf den Plan rief
Der Auslöser für die deutschen Ermittlungen ist ein Spiel mit einem Namen, der kaum Interpretationsspielraum lässt: Plantation Simulator. Das Spiel ließ Spieler Sklaven auf einer Plantage bewirtschaften – ein Konzept, das zu Recht für einen öffentlichen Aufschrei sorgte. Nutzer meldeten den Titel massenhaft über Steams eigenes Beschwerdesystem, zivilgesellschaftliche Organisationen schlugen Alarm, und der Fall landete schließlich auf dem Schreibtisch der Bundesnetzagentur.
Bundesnetzagentur, Pressemitteilung vom 12. Juni 2026Die Behörde ermittelt nun, ob Steam die eingegangenen Meldungen überhaupt ordnungsgemäß geprüft hat. Laut Deutschlandfunk bestehen konkrete Zweifel daran.
Deutschlandfunk, 12. Juni 2026Das klingt nach einem Detail, ist aber rechtlich brisant – denn genau das schreibt der Digital Services Act (DSA) vor. Seit 2023 verpflichtet die EU-Verordnung sehr große Online-Plattformen dazu, Nutzermeldungen über möglicherweise rechtswidrige Inhalte nicht nur entgegenzunehmen, sondern tatsächlich zu prüfen und darüber zu informieren, was mit der Meldung passiert ist. Die Bundesnetzagentur ist in Deutschland die zuständige DSA-Koordinierungsbehörde – und hat damit echte Zähne.
Computerbase, 12. Juni 2026Was droht Steam im Ernstfall? Bei einem nachgewiesenen DSA-Verstoß können Bußgelder von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes verhängt werden. Bei einem Unternehmen wie Valve – dessen Umsatz auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wird – wäre das keine Kleinigkeit. Im Wiederholungsfall oder bei systematischen Verstößen kann die EU sogar temporäre Dienststilllegungen anordnen.
Golem.de, 12. Juni 2026220 Millionen Euro: Die niederländische Sammelklage im Detail
Parallel dazu hat eine niederländische Stichting – das ist die lokale Rechtsform für gemeinnützige Stiftungen, die in den Niederlanden häufig als Vehikel für Sammelklagen genutzt wird – Klage gegen Valve eingereicht. Der geforderte Schadensersatz: 220 Millionen Euro.
NL Times, 11. Juni 2026Im Kern geht es um Steams Marktmacht und die Frage, ob Valve seine dominante Stellung auf dem PC-Gaming-Markt missbraucht. Konkret dürfte das auf die bekannte 30-Prozent-Umsatzbeteiligung hinauslaufen, die Steam von jedem Spielverkauf einbehält. Niederländische Spieler argumentieren offenbar, dass diese Gebührenstruktur in einem echten Wettbewerbsmarkt nicht haltbar wäre – und dass Valve die fehlende Konkurrenz systematisch ausnutzt.
Die 220 Millionen Euro sind dabei nicht aus der Luft gegriffen. Sammelklagen dieser Art werden typischerweise auf Basis des geschätzten Schadens kalkuliert, der niederländischen Verbrauchern durch überhöhte Preise entstanden ist – also die Differenz zwischen dem, was Spieler gezahlt haben, und dem, was sie in einem wettbewerbsintensiveren Markt gezahlt hätten.
Reddit r/Steam, Juni 2026Diese Klage steht nicht allein. Bereits im Januar 2026 wurde bekannt, dass Steam mit einer Sammelklage über 750 Millionen Euro konfrontiert ist.
PCGH/Extreme, 28. Januar 2026Und auch in Großbritannien laufen ähnliche Verfahren. Das Muster ist eindeutig: Valve wird in Europa von mehreren Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt.
Juristisch ist die Erfolgschance solcher Klagen schwer einzuschätzen. Auf der einen Seite sind Kartellklagen gegen Plattformen in Europa zuletzt öfter erfolgreich gewesen – man denke an die Verfahren gegen Apple und Google. Auf der anderen Seite müssten die Kläger nachweisen, dass Steam tatsächlich eine marktbeherrschende Stellung hat und diese missbräuchlich einsetzt – kein triviales Unterfangen.
Steams Geschäftsmodell im Fadenkreuz: Systemkritik oder berechtigte Beschwerden?
Die 30-Prozent-Provision ist Steams wunder Punkt – und das ist kein Geheimnis. Epic Games hat seinen Store 2018 unter anderem damit beworben, dass Entwickler dort nur zwölf Prozent abgeben müssen. GOG, der DRM-freie Konkurrent, arbeitet ebenfalls mit niedrigeren Margen. Und trotzdem dominiert Steam den Markt weiterhin mit einer Gelassenheit, die schon fast beunruhigend ist.
Warum? Weil Steam mehr ist als ein Shop. Es ist eine Infrastruktur: Achievements, Workshop, Remote Play, Family Sharing, eine Community mit Millionen Bewertungen, eine Wunschliste, die für Entwickler als Barometer gilt. Diese Netzwerkeffekte sind das eigentliche Monopol – und die sind schwerer zu regulieren als eine Gebührenstruktur.
Eine Stellungnahme von Valve zu den aktuellen Verfahren liegt bislang nicht vor. Das ist typisch für das Unternehmen: Valve kommuniziert selten, und wenn, dann meistens über Steam-Ankündigungen oder kurze Blogposts. Auf juristische Angriffe reagiert man in Bellevue traditionell mit Schweigen – zumindest nach außen.
Von einem echten Monopol im Rechtssinn zu sprechen, ist trotzdem nicht ganz einfach. Nutzer können theoretisch jederzeit zu Epic, GOG oder direkt beim Publisher kaufen. Dass sie es mehrheitlich nicht tun, ist eine Frage der Gewohnheit und des Komforts – aber ist das schon Marktmissbrauch? Genau das werden Gerichte in den kommenden Jahren klären müssen.
Was bedeutet das für Gamer? Mögliche Folgen für die Community
Für die meisten Spieler klingt das alles erstmal nach juristischem Kleinklein, das sie nicht direkt betrifft. Aber das täuscht – je nach Ausgang der Verfahren könnten die Folgen spürbar sein.
Szenario 1: Schärfere Inhaltsmoderationn. Wenn die Bundesnetzagentur Steam zu strengeren Prüfprozessen zwingt, könnte das eine Welle von Spielentfernungen auslösen. Steam hat ohnehin immer wieder mit der Frage gerungen, wo die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und schädlichen Inhalten liegt. Ein DSA-Verfahren könnte diese Grenze deutlich enger ziehen – und das würde nicht nur problematische Titel wie den Plantation Simulator treffen, sondern möglicherweise auch Spiele in Grauzonen.
Szenario 2: Höhere Kosten für Valve, weitergegeben an Spieler. Wenn Valve Hunderte Millionen Euro Schadensersatz zahlen muss, wird das Unternehmen diesen Verlust irgendwo ausgleichen. Ob durch höhere Entwicklergebühren, die sich in Spielpreisen niederschlagen, oder auf andere Weise – günstig wird es nicht.
Szenario 3: Mehr Wettbewerb. Das wäre das beste Szenario für Spieler. Wenn der politische und juristische Druck Valve dazu bringt, seine Provision zu senken oder offener mit Konkurrenz umzugehen, könnte das langfristig zu niedrigeren Preisen oder besseren Konditionen für Entwickler führen – und damit zu mehr und günstigeren Spielen.
Auf Reddit diskutiert die Community die Entwicklungen erwartungsgemäß kontrovers. Während viele Nutzer die Klage wegen des Plantation Simulators grundsätzlich unterstützen, gibt es auch skeptische Stimmen, die befürchten, dass übereifrige Regulierung Steam zu einer deutlich restriktiveren Plattform machen könnte. Die Sammelklage dagegen spaltet: Manche sehen darin eine berechtigte Kritik an Valves Marktmacht, andere halten es für eine Abzocke auf Kosten einer Plattform, die für viele Entwickler überhaupt erst den Markt zugänglich gemacht hat.
Was bleibt?
Valve steht gerade vor einer Bewährungsprobe, die das Unternehmen so bisher nicht kannte. Die Ermittlungen der Bundesnetzagentur sind kein Bagatellverfahren – der DSA ist scharfes Recht, und die Behörde hat den Willen signalisiert, ihn durchzusetzen. Die niederländische Sammelklage ist Teil einer europäischen Welle, die Steams Geschäftsmodell grundsätzlich in Frage stellt. Zusammen ergeben beide Fälle ein Bild: Die Zeit, in der Valve in Ruhe eine Plattform betreiben konnte, ohne sich um Regulierung zu scheren, ist vorbei.
Ob das Steams Dominanz langfristig gefährdet? Wahrscheinlich nicht existenziell. Valve hat tiefe Taschen, gute Anwälte und eine Community, die die Plattform trotz allem liebt. Aber es wird teuer, es wird laut, und es wird unbequem. Und vielleicht – nur vielleicht – führt der Druck dazu, dass Steam fairer wird. Für Entwickler, für Nutzer, für den Markt insgesamt.
In den kommenden Wochen dürfte Valve zumindest zu einer Stellungnahme gezwungen werden. Wie die Bundesnetzagentur das Verfahren weiterführt und ob die niederländische Stichting vor Gericht Erfolg hat, wird sich über Monate, wenn nicht Jahre entscheiden. Wir behalten das im Blick.
Was denkt ihr: Sollte Steam stärker reguliert werden – oder ist der Druck auf Valve übertrieben? Schreibt es in die Kommentare.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



