Von Sebastian Kraus5 Min. LesezeitManchmal passiert in der Gaming-Branche etwas, das man kurz zweimal lesen muss, um sicherzugehen, dass man sich nicht verlesen hat. The Witcher 3 bekommt einen neuen großen DLC – mehr als zehn Jahre nach Release des Spiels und fast neun Jahre nach Blood and Wine. Kein Remaster, kein Spin-off, kein "Inspired by"-Projekt eines Drittentwicklers. Eine echte, vollwertige Story-Erweiterung. Mit Geralt. Für The Witcher 3. Im Jahr 2027. Ja, wirklich.
Eine Ankündigung, die niemand kommen sah
Eigentlich sollte alles etwas geordneter ablaufen. CD Projekt Red hatte für den Anniversary-Livestream zum 10-jährigen Jubiläum von Blood and Wine geplant, die Erweiterung feierlich zu enthüllen. Doch dann wurde der Name vorab geleakt – und CDPR zog die Notbremse, indem sie die Ankündigung kurzerhand vorzogen. GamePro So erfuhr die Welt von "Songs of the Past" nicht im Rahmen eines polierten Trailers mit Orchestermusik, sondern halb improvisiert, kurz bevor das Internet die Arbeit übernehmen konnte.
Das Ergebnis? Trotzdem ein kleines Erdbeben. Die Community rastete aus – verständlicherweise. Denn so etwas passiert schlicht nicht. Spiele, die seit einem Jahrzehnt auf dem Markt sind, bekommen keine neuen großen Erweiterungen mehr. Sie bekommen Remasters, Nachfolger oder werden still und leise in den Ruhestand versetzt. The Witcher 3 hingegen bekommt noch mal frische Kapitel. Das ist, nüchtern betrachtet, ein Ausnahmefall in der Geschichte der Branche.
Was wir über "Songs of the Past" bisher wissen
Nicht allzu viel, ehrlich gesagt. Der offizielle Name steht fest: "Songs of the Past". Der Release ist für 2027 geplant, für PC und Konsolen. Geralt von Riva ist wieder mit dabei – wer sonst. Und die Erweiterung soll ihn in bislang unbekannte Gebiete führen. Eurogamer
Zur eigentlichen Story hält sich CD Projekt Red noch bedeckt. Keine großen Enthüllungen, keine Trailer mit Spoilern, keine Andeutungen, welche Figuren zurückkehren könnten. Was bleibt, ist das nackte Versprechen: neue Gebiete, neue Geschichte, Geralt mittendrin. Für viele Fans reicht das bereits, um die Vorfreude auf Anschlag zu treiben. Für alle anderen – und das ist keine unvernünftige Haltung – heißt es erstmal abwarten.
Entwicklung in Kooperation mit Fool's Theory
Hier wird es interessant, und zwar nicht nur im positiven Sinne. "Songs of the Past" entsteht nicht allein im Hause CD Projekt Red, sondern in Zusammenarbeit mit dem polnischen Studio Fool's Theory. Heise Das Studio ist kein unbeschriebenes Blatt – bekannt wurde es unter anderem durch die Arbeit am Remake von Seven: The Days Long Gone, und ein Teil des Teams besteht aus ehemaligen CD Projekt Red-Mitarbeitern. Das klingt erstmal nach einer sinnvollen Konstellation.
Und es erklärt auch, wie CDPR das überhaupt stemmen will. Der Laden ist gerade nicht gerade unterbeschäftigt: Cyberpunk 2077 läuft noch, The Witcher 4 steckt mitten in der Entwicklung. Für einen vollwertigen Witcher-3-DLC einfach intern Kapazitäten freizuschaufeln, wäre kaum realistisch gewesen. Die Kooperation mit Fool's Theory ist also pragmatisch gedacht – und trotzdem bleibt eine Frage im Raum: Kann ein externes Studio das Niveau von Blood and Wine erreichen?
Das ist keine rhetorische Spitze. Blood and Wine gilt bis heute als Referenzpunkt für DLC-Qualität schlechthin. Neue Region, vollständige Eigenatmosphäre, emotionale Tiefe, ein Finale, das sich wie ein würdiger Abschluss einer Ära anfühlte. Diese Messlatte liegt verdammt hoch. Fool's Theory hat Talent – aber ob das reicht, um den Witcher-3-Zauber zu replizieren, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht sagen.
Warum jetzt – nach über zehn Jahren?
Die zynische Antwort: Weil es Sinn ergibt. The Witcher 3 ist kein Spiel, das einfach so in der Versenkung verschwunden ist. Der Next-Gen-Patch 2022 bescherte dem Titel eine neue Spielerwelle, die Netflix-Serie hat immer wieder frisches Publikum in die Welt von Geralt gespült. Das Spiel verkauft sich nach wie vor, wird nach wie vor gespielt, wird nach wie vor besprochen. PC Games Hardware
Die weniger zynische Antwort: Das Jubiläumsjahr von Blood and Wine ist ein PR-Anlass, der sich geradezu aufdrängt. Und gleichzeitig ist "Songs of the Past" strategisch schlau platziert. The Witcher 4 kommt irgendwann – aber eben noch nicht. Bis dahin die Fangemeinde mit neuem Witcher-3-Content bei der Stange zu halten, ist kein schlechter Plan. Alte Fans kommen zurück, neue Spieler haben einen Grund, endlich anzufangen. Win-win.
Was Fans erwarten dürfen – und was sie nicht sollten
Klar ist: Die Erwartungen sind monströs. Wer Blood and Wine als Maßstab nimmt – und das werden die meisten –, erwartet eine in sich geschlossene, atmosphärisch dichte Geschichte mit neuen Gebieten, überraschenden Wendungen und einem emotionalen Abschluss, der sich verdient anfühlt. Vielleicht Wiedersehen mit alten Bekannten. Vielleicht Antworten auf Fragen, die das Hauptspiel offengelassen hat.
Das ist nicht per se unrealistisch. Aber es ist wichtig, "Songs of the Past" als das einzuordnen, was es ist: eine Story-Erweiterung, kein vollwertiges neues Spiel. Kein Witcher 3.5, kein heimlicher Nachfolger. Wer damit hineingeht, hat gute Chancen, angenehm überrascht zu werden. Wer erwartet, dass CDPR und Fool's Theory das Rad neu erfinden, wird möglicherweise enttäuscht – egal wie gut das Endprodukt wird.
Das eigentliche Risiko liegt woanders: Ein fast elfjähriger Abstand zur Kernentwicklung ist ungewohnt. Die Teams, die damals Hearts of Stone und Blood and Wine erschaffen haben, sind nicht mehr dieselben. Viele Schlüsselpersonen arbeiten an anderen Projekten, sind das Studio gewechselt oder haben CDPR ganz verlassen. Ob die neue Konstellation denselben kreativen Kern trifft – das ist die entscheidende Frage, auf die es 2027 eine Antwort geben wird.
Was bleibt?
"Songs of the Past" ist, bei aller berechtigten Skepsis, ein außergewöhnliches Signal. Es zeigt, dass CD Projekt Red The Witcher 3 nicht einfach als abgeschlossenes Kapitel betrachtet – und dass die Bindung an Geralt und seine Welt offenbar stärker ist als reine Nostalgie. Ob das am Ende ein Meisterstück wird oder nur ein gut gemeinter Zusatz, weiß heute niemand. Aber die Ankündigung allein hat es geschafft, das Spiel wieder in aller Munde zu bringen, Diskussionen zu entfachen und eine Community zu mobilisieren, die eigentlich schon längst hätte weitergezogen sein können. Nicht schlecht für ein Spiel, das älter ist als so mancher aktuelle Gaming-Trend. 2027 wird zeigen, ob "Songs of the Past" dem Namen gerecht wird – oder ob die Vergangenheit manchmal besser als Erinnerung bleibt.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.

