Von Sebastian Kraus5 Min. LesezeitStrauss Zelnick hat keine Lust auf Zurückhaltung. Der CEO von Take-Two Interactive nutzte den Q1-Earnings-Call für das Fiskaljahr 2027 für eine ziemlich steile These: Cloud-Gaming werde die Nutzerbasis der Branche innerhalb von drei Jahren verzehnfachen – und GTA 6 soll dabei eine zentrale Rolle spielen. Eine Cloud-Version von Vice City deutete er dabei mehr als nur an. Golem
Die Ansage aus dem Earnings Call
Earnings Calls sind normalerweise eine Mischung aus Zahlen, Buzzwords und vorsichtig formuliertem Optimismus für die Aktionäre. Zelnick hat das Skript diesmal etwas freier interpretiert. Statt vager Andeutungen sprach er konkret: Take-Two plane, GTA 6 auch per Cloud-Gaming zugänglich zu machen – also ohne dass Spielerinnen und Spieler eine PS5, eine Xbox Series X/S oder einen potenten Gaming-PC besitzen müssen. PC Games
Die Zahl, die dabei für Aufsehen sorgt: mal zehn. Zelnick erwartet, dass Streaming die weltweite Spielerbasis in drei Jahren verzehnfacht. Zum Einordnen: Aktuell zocken nach verschiedenen Schätzungen rund drei Milliarden Menschen weltweit – viele davon auf Smartphones. Die klassische Konsolen- und PC-Gamer-Basis ist deutlich kleiner. Selbst wenn Zelnick nur diese Kernzielgruppe meint: Verzehnfachen wäre eine Revolution, keine Evolution. TechSpot
GTA 6 ohne Konsole oder Gaming-PC – so soll es funktionieren
Das Grundprinzip von Cloud-Gaming ist simpel: Die Rechenleistung liegt nicht bei dir zu Hause, sondern auf einem Server irgendwo in einem Rechenzentrum. Du streamst das Bild auf dein Gerät – ähnlich wie Netflix, nur dass du per Controller oder Tastatur Eingaben zurückschickst. Theoretisch läuft das auf jedem Bildschirm, der eine Internetverbindung hat: Smart-TV, Tablet, altes Laptop, schwacher PC.
GTA 6 erscheint am 19. November zunächst exklusiv für PS5 und Xbox Series X/S – eine PC-Version folgt später, ohne konkretes Datum. Instagram / Zelnick-Statement Eine Cloud-Version wäre der nächste logische Schritt – und würde bedeuten, dass potenziell jeder mit einer stabilen Leitung durch Vice City cruisen könnte, ohne vorher 500 Euro für eine Konsole hinzublättern.
Dass die Nachfrage da wäre, deutet Zelnick selbst an: Die Vorbestellungen für GTA 6 liefen bereits „beispiellos" an. web.de Eine Cloud-Option könnte diesen Effekt noch einmal deutlich verstärken – weil sie schlicht mehr Menschen den Zugang ermöglicht.
Warum Zelnick jetzt aufs Streaming setzt
Der Kontext ist wichtig: Konsolen werden teurer, Gaming-Hardware sowieso. Wer heute in die aktuelle Konsolengeneration einsteigen will, zahlt einen ordentlichen Betrag – und das in einem wirtschaftlichen Umfeld, das für viele Haushalte nicht gerade entspannt ist. Streaming wäre die Antwort auf diese Zugangshürde.
Zelnick geht dabei noch weiter und vergleicht physische Spielveröffentlichungen offen mit Schallplatten – also mit einem Medium, das zwar eine treue Nische hat, aber längst nicht mehr den Massenmarkt bedient. IGN Deutschland Kein Wunder: Sony hat das Ende physischer Discs für bestimmte Märkte bereits eingeläutet. Die Richtung ist klar, auch wenn das Tempo noch diskutiert wird.
Interessant ist außerdem ein Detail, das Zelnick im selben Call erwähnte: Er erklärte, warum das GTA-6-Gameplay auf Netflix präsentiert wurde. GameGPU Das klingt nach einer PR-Entscheidung, ist aber mehr: Es zeigt, dass Take-Two das Streaming-Ökosystem als Gesamtstrategie begreift – und Netflix als Teil davon. Ob das langfristig auf eine tiefere Partnerschaft hindeutet, bleibt offen.
Was das für Konsolenhersteller und den Markt bedeutet
Wenn Zelnicks Prognose auch nur annähernd eintrifft, wackeln einige Geschäftsmodelle ordentlich. Sony und Microsoft haben ihre Marktmacht jahrzehntelang über Hardware aufgebaut: Du kaufst die Konsole, du kaufst die Spiele, du bleibst im Ökosystem. Wenn das Spiel einfach per Browser oder App läuft, verlieren sie ihre Rolle als Hardware-Gatekeeper.
Microsoft hat mit Xbox Cloud Gaming hier bereits einen Vorsprung und integriert Streaming tief in den Game Pass. Sony hinkt hinterher – PlayStation Now war nie das, was es sein wollte, und der Nachfolger PlayStation Plus Premium mit Cloud-Option ist ausbaufähig. Eurogamer
Für Plattformen wie GeForce NOW von Nvidia oder eben Xbox Cloud Gaming wäre ein GTA 6 im Angebot ein enormer Hebel. Für den stationären Einzelhandel wäre es das Gegenteil: Weniger Konsolenverkäufe, weniger Boxed-Games, weniger Laufkundschaft. Die Transformation, die im Musikmarkt vor zwanzig Jahren passiert ist, könnte im Gaming gerade in die heiße Phase eintreten.
Die andere Seite: Skepsis und offene Fragen
Jetzt aber mal kurz auf die Bremse. Cloud-Gaming hat eine Geschichte – und die ist nicht ausschließlich eine Erfolgsgeschichte. Google Stadia ist das prominenteste Mahnmal: Technisch durchaus solide, aber letztlich an Marktakzeptanz, fehlendem Katalog und Google-typischer Unzuverlässigkeit gescheitert. Stadia ist seit 2023 Geschichte.
Die strukturellen Probleme sind nicht verschwunden. Latenz ist bei einem Spiel wie GTA 6 kein Randthema. Wer schon mal versucht hat, in einem Open-World-Shooter mit Input-Lag zu fahren oder zu schießen, weiß: Selbst 30 Millisekunden extra können den Unterschied zwischen Spaß und Frust machen. GTA 6 hat komplexes Fahrverhalten, Schussmechaniken, dichten Stadtverkehr – das sind keine geduldigen Szenarien für schwankende Verbindungen.
Und dann ist da noch das Timing. „Drei Jahre" klingt konkret, ist aber in der Tech-Branche eine Ewigkeit – und gleichzeitig sehr wenig, wenn man bedenkt, wie langsam Infrastruktur-Rollouts tatsächlich verlaufen. Zelnick spricht aus der Perspektive eines Publishers, der von einer größeren Nutzerbasis profitiert. Das macht seine Aussage nicht falsch – aber es erklärt den Optimismus. TechKrams
Fazit: Chance für alle oder PR-Versprechen?
Beides, ehrlich gesagt. Die Idee, GTA 6 auf einem alten Laptop oder einem Smart-TV spielen zu können, ist kein Fantasieszenario mehr – sie ist technisch machbar, wenn die Infrastruktur mitspielt. Und die verbessert sich, langsam aber spürbar.
Für Leserinnen und Leser, die jetzt überlegen, ob sie sich für den Launch im November eine Konsole kaufen sollen: Wer warten kann, könnte tatsächlich in ein bis zwei Jahren per Stream zocken – ohne Hardware-Investment. Wer Day-One-Erfahrung will, kommt um PS5 oder Xbox Series X/S aber nicht herum.
Die entscheidende Frage, die Zelnick offenließ: Wann kommt die Cloud-Version konkret, und auf welchen Plattformen? Xbox Cloud Gaming wäre der naheliegendste Partner. Aber auch Nvidia, Amazon Luna oder ein ganz neuer Anbieter wären denkbar. Konkrete Ankündigungen fehlen bislang.
Was bleibt? Strauss Zelnick hat mit seinen Aussagen mehr als einen Earnings-Call-Satz in die Welt gesetzt – er hat eine Richtung markiert. Take-Two denkt GTA 6 nicht als Konsolen-exklusives Produkt, sondern als Plattform, die irgendwann überall läuft. Das ist strategisch klug, weil es die potenzielle Nutzerbasis dramatisch erweitert. Ob die Infrastruktur in drei Jahren wirklich mithalten kann, ist die offene Variable. Aber die Richtung stimmt – und die Branche weiß das. Die Frage ist nicht mehr ob Cloud-Gaming kommt, sondern wann es gut genug ist, um wirklich niemanden mehr auszuschließen. Würdet ihr GTA 6 per Stream spielen – oder bleibt ihr bei nativer Hardware? Schreibt es in die Kommentare.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



