Von Sebastian Kraus6 Min. LesezeitStell dir vor, du öffnest Metacritic und reibst dir die Augen: Ein Resident Evil hat gerade die höchste User-Wertung aller Zeiten kassiert. Nicht irgendein Nostalgie-Remake, nicht der allseits geliebte vierte Teil – sondern ein brandneues Spiel. Xbox Dynasty Das ist die Ausgangslage, mit der Resident Evil: Requiem in die Welt tritt. Und ja, der Hype ist laut. Sehr laut. Aber lohnt es sich, ihn ernst zu nehmen – oder sollte man misstrauisch werden, wenn das Internet wieder mal kollektiv ausrastet?
Der Hype ist real – aber berechtigt?
Internationale Medien überbieten sich gerade mit Superlativen. Eurogamer spricht von einer „exzellenten Rückkehr", GamingNexus nennt Requiem schlicht eines der besten Resi-Spiele überhaupt GamingNexus, und selbst nüchternere Stimmen klingen wie Fans nach dem ersten Durchlauf. Das ist auffällig – und ein bisschen verdächtig. Denn „bestes Resi aller Zeiten" ist eine Ansage, die man nicht einfach so in den Raum stellen sollte, ohne sie zu belegen. Schließlich hängt da ein ganzes Franchise mit Jahrzehnten Geschichte dran, mit Spielen, die das Genre mitdefiniert haben.
Die eigentliche Frage dieses Tests ist deshalb nicht nur: Ist Requiem gut? Sondern: Ist es so gut, dass es den Thron verdient? Und wer sitzt da überhaupt drauf?
Atmosphäre und Horror: Rückkehr zu den Wurzeln
Das Erste, was Requiem unmissverständlich klarstellt: Capcom hat seine Hausaufgaben gemacht. Die Atmosphäre sitzt. Und zwar richtig. Wer sich noch an die beklemmende Enge aus dem Mansion-Incident oder die Paranoia aus RE7 erinnert, wird in Requiem sofort heimisch – im schlechtesten Sinne des Wortes, und das ist hier ein Kompliment.
Die Entwickler haben sich bewusst von dem Action-Overload distanziert, der Teile wie RE5 und RE6 zu polarisierenden Einträgen in der Seriengeschichte gemacht hat. Stattdessen regiert wieder das Designprinzip der Ressourcenknappheit: Munition ist rar, Heilmittel seltener als man möchte, und das nächste Speicherzimmer fühlt sich an wie eine Oase. Eurogamer Das ist kein Zufall, das ist eine bewusste Entscheidung – und sie zahlt sich aus.
Im Vergleich zu RE7 und RE8 Village schlägt Requiem einen etwas anderen Weg ein. Wo Village mit seiner Barockkulisse und dem Schloss-Setting auf visuellen Bombast setzte, ist Requiem dichter, klebriger, unangenehmer. Weniger „gruselig schön", mehr „bitte lass mich hier raus". Das kommt nicht für jeden, aber Horror-Fans, die sich nach echter Bedrängnis sehnen, werden das zu schätzen wissen.
Gameplay und Steuerung: Das Beste aus beiden Welten
GamingNexus ist da ziemlich eindeutig: Die Steuerung gehöre zu den stärksten der gesamten Reihe. GamingNexus Nach ein paar Stunden mit dem Spiel kann man das nachvollziehen. Requiem fühlt sich präzise an, reagiert sauber, und der Charakter bewegt sich so, wie man es 2026 von einem AAA-Titel erwartet – ohne dabei den klassischen Resi-Feel zu verlieren, der ein gewisses Gewicht und Verwundbarkeit vermitteln soll.
Der Mix aus Third-Person-Action und echter Erkundung ist dabei das eigentliche Herzstück. Requiem borgt sich Anleihen bei RE4, ohne es zu kopieren – und das ist wichtig. Das Remake von 2023 hat die Messlatte für actionlastiges Resi-Gameplay so hoch gelegt, dass ein simples „mehr davon" nicht funktioniert hätte. Stattdessen baut Requiem mehr Backtracking ein, legt größeren Wert auf Rätsel und nutzt sein Leveldesign, um Spannung durch Vertrautheit zu erzeugen: Man kennt einen Raum irgendwann – und weiß trotzdem nie, was dahinter wartet.
Das Inventarsystem wurde gegenüber den Vorgängern spürbar überarbeitet. Weniger Micromanagement, mehr taktische Entscheidungen. Welche Waffe kommt mit, was lässt man zurück? Das fühlt sich nicht wie Pflichtaufgabe an, sondern wie Teil der Immersion.
Story und Nostalgie: Stärke oder Krücke?
Hier wird's komplizierter. Requiem greift tief in die Lore der Serie – und Fans werden das lieben. Referenzen, bekannte Gesichter, Momente, die man als langjähriger Spieler sofort einordnet: Das alles ist da, und es funktioniert. Zumindest in der ersten Hälfte.
Das Problem benennt die Reddit-Community ziemlich treffend: Reddit/HorrorGaming Die zweite Spielhälfte verlässt sich zu stark auf eben diese Nostalgie. Was anfangs wie liebevolle Hommage wirkt, kippt irgendwann in Fanservice-Überdosis. Das Spiel vertraut der eigenen neuen Geschichte nicht mehr ganz so bedingungslos – und das merkt man. Wer Requiem ohne Vorwissen an die Serie spielt, wird in der zweiten Hälfte deutlich weniger mitnehmen als jemand, der seit dem Mansion dabei ist.
Gamepro bringt es auf den Punkt: „Nicht das beste Resi – aber ein verdammt gutes." Gamepro Diese Einschränkung ist fair. Sie kommt genau von dieser Schwäche: Requiem erzählt keine Geschichte, die für sich allein stehen kann wie RE4 oder das RE2 Remake. Es braucht den Kontext, die Geschichte, das Vorwissen. Das ist kein Dealbreaker – aber es ist eine echte Einschränkung, die man kennen sollte.
Die Charakterentwicklung selbst ist solide, manchmal sogar überraschend stark, verliert aber in der Zielgeraden etwas an Fahrt. Man merkt, dass das Drehbuch an manchen Stellen lieber auf einen bekannten Moment setzt als auf einen neuen.
Der Vergleich mit den Klassikern: Kann Requiem RE4 entthronen?
Kommen wir zur eigentlichen Gretchenfrage. RE4 – sowohl das Original von 2005 als auch das Remake von 2023 – gilt seit Jahren als Maßstab der gesamten Reihe. 4Players Und das nicht ohne Grund: Das Spiel hat das Actiongenre mitgeprägt, hat ikonische Momente geschaffen, die bis heute zitiert werden, und hat einen Wiederspielwert, der seinesgleichen sucht.
Wo kann Requiem mithalten? Bei der Atmosphäre, eindeutig. Beim Pacing in der ersten Spielhälfte, beim Horrordesign, bei der Kontrolle des Spielers über Tempo und Spannung. Das sind echte Stärken, die Requiem absolut auf Augenhöhe mit den Besten der Serie bringen.
Wo bleibt RE4 vorne? Bei den ikonischen Momenten. Bei der kulturellen Wirkung. Bei dem, was man als „Erinnerungswert" bezeichnen könnte: Szenen, Bosse, Sätze, die sich ins kollektive Gaming-Gedächtnis eingebrannt haben. Requiem hat starke Momente – aber keinen, der das Zeug hat, „It's a shame about the lake" oder den Dorfangriff zu ersetzen.
Das bedeutet: Requiem ist der stärkste neue Serienteil seit sehr langer Zeit. Aber „bestes aller Zeiten" bleibt Geschmackssache – und hängt stark davon ab, was man von Resident Evil erwartet. Horror? Dann vielleicht ja. Action-Pacing und kulturelle Wirkung? Dann bleibt RE4 auf dem Thron.
Fazit: Pflichtkauf mit kleinen Vorbehalten
Requiem ist außergewöhnlich gut. Das ist keine Hyperbel, das ist eine nüchterne Einschätzung nach dem Durchspielen. Capcom hat hier ein Spiel abgeliefert, das fast alle Fans der Serie abholt – die Survival-Horror-Fraktion genauso wie jene, die seit RE4 auf Action stehen. Computerbase
Die Schwächen sind real, aber überschaubar: Die zweite Spielhälfte verliert etwas an Frische, der Nostalgie-Hebel wird zu oft betätigt, und wer ohne Serienkenntnis einsteigt, verpasst einen Teil der emotionalen Wirkung. Das sind keine Kleinigkeiten – aber es sind auch keine Gründe, das Spiel links liegen zu lassen.
Für wen ist Requiem ein unbedingtes Muss? Für alle, die RE7, RE8 oder das RE2 Remake mochten. Für Survival-Horror-Fans, die sich nach echter Bedrängnis sehnen. Für Serienkenner, die Lust auf eine Geschichte haben, die die Lore ernst nimmt.
Für wen gibt's Abstriche? Für Einsteiger ohne Serienkontext. Für Spieler, die den reinen Action-Rausch von RE4 suchen. Und für alle, die in der zweiten Spielhälfte keine Geduld für Fanservice haben.
Was kommt als nächstes? Der Erfolg von Requiem dürfte Capcom in einer Sache bestärken: Die Mischung aus Survival-Horror und modernem Gameplay ist die richtige Richtung. Und wenn man sich die Community-Reaktionen anschaut, steht ein Wunsch ganz oben auf der Liste – ein RE1 Remake im Stil von RE2 und RE4. YouTube Das wäre nach Requiem der logische nächste Schritt. Und nach diesem Spiel traut man Capcom das auch zu.
Was bleibt? Resident Evil: Requiem ist mehr als ein weiterer guter Serienteil – es ist ein Signal. Ein Signal dafür, dass Capcom verstanden hat, was die Reihe ausmacht, und bereit ist, damit in die Zukunft zu gehen, ohne die Vergangenheit zu verleugnen. Ob es wirklich das beste Resi aller Zeiten ist, werden Spieler noch Jahre diskutieren – und genau das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem Spiel machen kann. Es verdient die Diskussion. Es verdient den Vergleich. Und es verdient gespielt zu werden.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



