Von Sebastian Kraus6 Min. LesezeitDreißig Jahre. So lange ist es her, dass eine pixelige Frau mit Zopf und Doppelpistolen die Spielwelt auf den Kopf gestellt hat. Jetzt, auf der Gamescom 2026, durfte ich hinter verschlossenen Türen erleben, wie Crystal Dynamics und Flying Wild Hog diesen Moment neu schreiben wollen – und ehrlich gesagt: Ich bin nicht mehr ganz so skeptisch wie vorher.
Zurück zu den Wurzeln: Was ist Legacy of Atlantis?
Tomb Raider: Legacy of Atlantis ist kein neues Lara-Croft-Abenteuer, das irgendwo in der Franchise-Timeline eingehängt wird. Es ist ein Remake des allerersten Tomb Raiders von 1996 – des Spiels, das Lara Croft überhaupt erst zur Ikone gemacht hat. Crystal Dynamics entwickelt es gemeinsam mit Flying Wild Hog, einem Studio, das zuletzt mit Shadow Warrior bewiesen hat, dass es den Umgang mit Klassikern versteht.
Reddit: Ist Legacy of Atlantis ein Remake?Offiziell nennen die Entwickler das Ganze eine „atemberaubende Neuinterpretation" – ein Begriff, der in der Gaming-PR zwar schon etwas abgenutzt ist, hier aber tatsächlich etwas bedeutet. Denn das Ziel ist kein 1:1-Klon mit höherer Auflösung, sondern eine Neuerzählung, die das Fundament respektiert, ohne daran zu kleben. Warum das 2026 trotzdem eines der meisterwarteten Spiele des Jahres ist? Weil es schlicht keine zweite Chance gibt, den ersten Teil richtig zu remaken. Das hier ist Laras Ursprungsgeschichte – und die Messlatte liegt entsprechend hoch.
Gamescom 2026: Ein seltener Blick hinter verschlossene Türen
Crystal Dynamics hat sich auf der Gamescom 2026 bewusst für Exklusivität entschieden. Kein öffentlicher Anspielpunkt, keine Warteschlange, kein zufälliges Reinspielen zwischen zwei anderen Demos. Stattdessen: geschlossene Preview-Sessions, nur für ausgewählte Medienvertreter. Das schürt natürlich den Hype – aber es schützt das Spiel auch davor, halbfertig auf der Messe verbrannt zu werden.
ComputerBase auf Facebook zur Gamescom-PräsentationDie Präsentation selbst war entsprechend kuratiert. Kein großer Messebooth mit Neonlichtern und Bassgewitter – stattdessen eine ruhige, fokussierte Atmosphäre, die signalisierte: Wir nehmen das ernst. Crystal Dynamics wollte offenbar zeigen, dass Legacy of Atlantis kein schnelles Nostalgie-Produkt ist, sondern ein Projekt mit echtem Anspruch. Die Demo führte durch mehrere bekannte Schauplätze des Originals – darunter das Verlorene Tal, das wohl ikonischste Level des ersten Teils. Wer damals als Kind zum ersten Mal diesen riesigen Outdoor-Bereich betreten hat, weiß, warum dieser Moment so besonders war. Im Remake wirkt er noch größer.
Cerealkillerz: Gamescom PreviewGameplay-Eindrücke: Old-School-Feeling trifft moderne Mechaniken
Hier wird's interessant – und hier scheiden sich die Geister. Die klassische Tanksteuerung des Originals, die damals für viele Flüche und zerbrochene Controller gesorgt hat, wurde überarbeitet. Aber das grid-basierte Bewegungssystem ist noch erkennbar. Lara bewegt sich weiterhin präzise, bedächtig, mit diesem charakteristischen Gewicht. Sie springt nicht einfach irgendwo hin – jede Bewegung fühlt sich kalkuliert an. Das ist gewöhnungsbedürftig für alle, die mit dem Reboot-Lara der 2013er-Trilogie aufgewachsen sind. Für Fans der ersten Stunde ist es dagegen wie nach Hause kommen.
PlayStation Blog: Hands-on zu Legacy of AtlantisDie Kämpfe im Verlorenen Tal gegen Dinosaurier – ja, Dinos, das gehört dazu – wirken frisch und trotzdem retro. Die Begegnungen sind nicht auf Spektakel getrimmt, sondern auf Spannung. Man positioniert sich, weicht aus, zielt bewusst. Das fühlt sich mehr nach dem Original an als nach einem modernen Action-Spiel.
Besonders beeindruckt hat mich die Neuinterpretation der Damokles-Falle – einem der berühmtesten Fallen-Momente des Originals. Im Remake erfüllt sie gleich mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie ist Falle, Rätsel und Umgebungselement in einem. Und dann gibt es diesen Moment, in dem Lara ein Rad durch die Schwerter schlägt – ein Bild, das sofort klar macht, wie das Studio klassische Momente neu inszenieren will: spektakulärer, aber nicht beliebig.
PC Games Hardware: Die Damokles-Falle im RemakeDas Klettern und Springen fühlt sich ebenfalls nach Tomb Raider an – mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Kamera jetzt mitmacht, statt dagegen zu arbeiten. Das Platforming bleibt fordernd, wird aber nicht mehr von technischen Unzulänglichkeiten sabotiert.
Treue zum Original vs. zeitgemäßes Design: Der zentrale Konflikt
Kein Remake-Diskurs ohne diese Frage: Wie viel Original darf man opfern? Crystal Dynamics und Flying Wild Hog haben sich für einen mittleren Weg entschieden – was bedeutet, dass sie es wahrscheinlich keiner Seite vollständig recht machen werden.
JPGames: Angeschaut – Legacy of AtlantisGrafisch ist das Spiel eindeutig 2026: PS5-Niveau, beeindruckende Beleuchtung, detaillierte Umgebungen. Die Spielstruktur und das Leveldesign folgen dagegen erkennbar dem Original. Das ist der richtige Ansatz – aber er erzeugt eine Spannung, die man in der Demo spürt. Wenn Lara in einer wunderschön gerenderten Höhle steht und sich dann wie 1996 bewegt, ist das entweder ein Gänsehaut-Moment oder ein Bruch, je nachdem, wen man fragt.
In Foren und auf Reddit ist die Community gespalten. Die puristischen Nostalgiker wollen das Original in schön, ohne Kompromisse. Die jüngere Spielergeneration fragt nach modernen Komfortfunktionen, Auto-Save, optionalen Hilfen, vielleicht einem Hinweissystem. Beide haben nachvollziehbare Argumente.
JPGames Forum: Community-DiskussionAls Maßstab taugen Remakes wie das RE2 Remake oder das jüngste Silent Hill 2 Remake: Beide haben bewiesen, dass man Treue und Modernität gleichzeitig hinbekommen kann – wenn man weiß, welche Elemente das Original eigentlich ausgemacht haben. Legacy of Atlantis scheint das zu verstehen. Ob es die Balance hält, wird der fertige Release zeigen müssen.
Stärken und offene Fragen nach dem Hands-on
Was die Demo stark macht: die Atmosphäre. Das Verlorene Tal fühlt sich verloren an – groß, still, ein bisschen bedrohlich. Das Leveldesign folgt dem Original, ohne es sklavisch zu kopieren. Die Neuinterpretation der Fallen ist clever. Und visuell ist das Spiel schlicht beeindruckend.
Der Retro-Vibe wirkt authentisch, nicht aufgesetzt. Man merkt, dass hier Leute am Werk sind, die das Original kennen und mögen – nicht Leute, die eine Marke verwalten.
ComputerBase: Hands-on Legacy of AtlantisAuch die Story-Treue ist noch unklar. Bleibt es beim knappen, atmosphärischen Erzählstil des Originals, oder wird Lara 2026 ausführlicher charakterisiert? Beides hätte seine Berechtigung – aber es sind sehr unterschiedliche Entscheidungen.
Technisch lief die Demo auf PS5 solide. Keine sichtbaren Einbrüche, flüssige Performance. Aber das ist eine Gamescom-Demo unter kontrollierten Bedingungen – ein finales Urteil ist das nicht.
Fazit: Verdienen Fans dieses Comeback?
Nach dem Gamescom-Hands-on lautet meine ehrliche Einschätzung: ja, wahrscheinlich schon – aber mit einem Sternchen. Legacy of Atlantis fühlt sich nach Tomb Raider an und sieht dabei aus wie 2026. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Crystal Dynamics und Flying Wild Hog scheinen den Spagat zwischen Nostalgie und Moderne ernsthaft anzugehen, nicht als Marketing-Übung, sondern als gestalterische Aufgabe.
Das Potenzial ist da, sowohl alte Fans zurückzugewinnen als auch eine neue Generation für Lara Croft zu begeistern, die das Original nie gespielt hat. Aber das Potenzial muss noch eingelöst werden. Ein Release-Datum steht bislang nicht fest, und damit auch kein Termin, an dem Fans selbst Hand anlegen dürfen. Die offenen Fragen – Spiellänge, Komfortfunktionen, Soundtrack, Story-Behandlung – sind nicht klein. Sie könnten über den Unterschied zwischen einem guten Remake und einem großartigen entscheiden.
Mein Gesamteindruck nach Köln: vorsichtiger Optimismus. Legacy of Atlantis hat das Zeug dazu, das Remake zu werden, das Tomb-Raider-Fans seit Jahren verdienen. Ob es das auch wird, wissen wir erst, wenn Lara das erste Mal auf unseren eigenen Bildschirmen in dieses Verlorene Tal springt.
Was bleibt? Legacy of Atlantis ist mehr als ein Nostalgie-Produkt – es ist ein Testfall dafür, ob die Gaming-Industrie gelernt hat, mit ihrem eigenen Erbe umzugehen. Tomb Raider hat 1996 bewiesen, dass Videospiele Abenteuer und Atmosphäre auf eine Art erzählen können, die kein anderes Medium replizieren kann. Wenn dieses Remake das einfängt und für eine neue Generation zugänglich macht, ist das keine Kleinigkeit. Dann ist Lara Croft nicht nur zurück – dann ist sie wieder relevant. Und das wäre, dreißig Jahre nach ihrem Debüt, eine echte Leistung.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



