Von Sebastian Kraus4 Min. LesezeitManchmal verdichten sich Gerüchte so schnell, dass man kaum hinterherkommt. Innerhalb weniger Tage haben The Information und Bloomberg unabhängig voneinander Berichte veröffentlicht, die zusammen ein ziemlich erschütterndes Bild der Xbox-Sparte zeichnen: Massenentlassungen, Studioschließungen, gekürzte Marketingbudgets – und als Krönung des Ganzen die Frage, ob Microsoft Gaming überhaupt noch zum Kerngeschäft des Konzerns gehören soll. play3.de heise.de
Der Auslöser: Berichte über einen radikalen Umbau
Das Timing ist kein Zufall. Microsofts Geschäftsjahr endet am 30. Juni, und kurz davor häufen sich die Meldungen. Bloomberg berichtet von einem internen Memo, das die aktuelle Lage der Gaming-Sparte in düsteren Farben beschreibt. The Information legt noch einen drauf und bringt eine Option ins Spiel, die bislang kaum jemand auf dem Zettel hatte: Microsoft soll ernsthaft erwogen haben, Xbox als eigenständige Tochtergesellschaft auszugliedern. games.gg
Dass gleich zwei Schwergewichte des Tech-Journalismus nahezu zeitgleich berichten, ohne sich aufeinander zu beziehen, verleiht der Sache zusätzliches Gewicht. Hier geht es nicht mehr um Gerüchte aus dem Reddit-Dunkel, sondern um handfeste Hinweise auf einen grundlegenden Strategiewechsel.
1.000 Jobs weg, Studios geschlossen: Die harten Zahlen
Konkret bedeutet das zunächst: rund 1.000 Stellen werden bei Xbox gestrichen. Eine weitere Entlassungswelle soll laut Bloomberg im Juli folgen – also direkt nach dem Geschäftsjahresende. derstandard.at Mehrere Spielestudios stehen vor der Schließung oder sollen zusammengelegt werden, Marketingbudgets werden massiv heruntergefahren.
Das Ganze passiert nicht im Vakuum: Konzernweit baut Microsoft bis zu 9.000 Stellen ab. Aber das Gaming-Business trifft es im Verhältnis besonders hart. gameswirtschaft.de
Welche Studios konkret betroffen sind, ist bislang nicht vollständig bekannt. Die Unsicherheit in der Branche ist entsprechend groß – und wer in einem Xbox-Studio arbeitet, dürfte gerade keine ruhige Nacht schlafen.
Ausgliederung statt Abwicklung: Was steckt dahinter?
Die vielleicht interessanteste Frage ist die nach der möglichen Ausgliederung. Was bedeutet das eigentlich? Im Kern würde Xbox als eigenständige Tochtergesellschaft aus dem Microsoft-Konzern herausgelöst – mit eigener Bilanz, eigener Führungsstruktur und eigenem Druck, schwarze Zahlen zu schreiben.
Aktuell tauchen Xbox-Zahlen im Quartalsbericht unter dem etwas sperrigen Segment "More Personal Computing" auf. drwindows.de Eine Ausgliederung würde das transparenter machen – aber eben auch schonungsloser. Wer eigenständig ist, muss eigenständig überleben.
Analysten lesen den möglichen Schritt als Signal: Microsoft testet gerade, ob Gaming wirklich zum Kerngeschäft gehört oder ob die Sparte langfristig ein teures Hobby ist. Eine eigenständige Xbox-Gesellschaft könnte leichter verkauft, abgespalten oder an die Börse gebracht werden – Optionen, die heute noch undenkbar klingen, morgen aber auf dem Tisch liegen könnten.
Xbox-Chefin unter Druck: Schuld sind die Hardwarepreise?
Sarah Bond, seit Anfang 2024 Präsidentin von Xbox, hat sich zu Wort gemeldet und macht unter anderem steigende Hardwarepreise für die Krise mitverantwortlich. derstandard.at Das ist nicht ganz falsch – Komponenten und Logistik sind tatsächlich teurer geworden. Aber als Hauptbegründung für 1.000 Entlassungen wirkt das argument dünn.
Kritiker werfen dem Management zu Recht Heuchelei vor: Einerseits werden Milliarden für Activision Blizzard locker gemacht, andererseits sollen steigende Hardwarekosten die Gaming-Sparte in die Knie zwingen? Das passt nicht zusammen.
Phil Spencer, der langjährige Chef von Microsoft Gaming, hält sich derweil auffällig bedeckt. Berichten zufolge wird seine Rolle intern diskutiert – was immer das konkret bedeuten mag. gameswirtschaft.de Die Kommunikation nach außen wirkt insgesamt widersprüchlich: Auf der einen Seite werden Rekordzahlen beim Game Pass gemeldet, auf der anderen Seite wird die Sparte gerade in einem Tempo umgebaut, das selbst hartgesottene Branchenbeobachter überrascht.
Was bedeutet das für Spieler und die Konsolenlandschaft?
Für alle, die primär spielen wollen statt Konzernstrategien zu analysieren, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht.
Die gute: Game Pass funktioniert. Finanziell läuft das Abo-Modell offenbar, Hits landen regelmäßig im Service, und Microsoft hat hier tatsächlich etwas aufgebaut, das Bestand haben dürfte. dailymotion.com
Die schlechte: Die Xbox-Hardware steht zunehmend in Frage. Braucht Microsoft noch eine eigene Konsole, wenn Game Pass auch auf PC, Smartphone und Konkurrenz-Hardware läuft? Die Frage ist nicht neu, aber sie wird gerade drängender denn je. Sony und Nintendo dürften die Entwicklung mit Interesse verfolgen – eine geschwächte Xbox-Sparte schafft Raum, den beide gerne füllen würden.
Und dann ist da noch die Frage, die Spieler am meisten beschäftigen dürfte: Welche Studios überleben den Umbau? Welche Spiele werden nie erscheinen, weil die Teams, die daran gearbeitet haben, gerade ihre Kündigung erhalten? Das sind keine abstrakten Fragen – dahinter stecken echte Menschen und echte Projekte.
Was bleibt?
Xbox steht an einem Scheideweg, der grundlegender ist als alles, was die Marke seit ihrem Start im Jahr 2001 erlebt hat. Die Summe der Berichte ergibt ein klares Bild: Microsoft weiß gerade selbst nicht genau, was Xbox sein soll – Konsolenhersteller, Game-Pass-Plattform, eigenständiges Unternehmen oder doch nur ein Segment, das irgendwann still und leise abgewickelt wird. Die Entscheidungen, die in den kommenden Monaten fallen, werden nicht nur die Zukunft einer Marke bestimmen. Sie werden die Konsolenlandschaft der nächsten Dekade prägen – und damit auch, was wir alle spielen, wie wir dafür bezahlen und welche Studios überhaupt noch existieren. Wer Xbox bisher als selbstverständlich hingenommen hat, sollte jetzt genau hinschauen.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



