Von Sebastian Kraus5 Min. LesezeitEs brodelt schon seit Wochen, aber jetzt verdichten sich die Zeichen zu einem Bild, das selbst hartgesottene Gaming-Veteranen schlucken lässt: Microsofts Xbox-Sparte steht offenbar kurz vor einer Entlassungswelle, die in der 25-jährigen Geschichte der Marke – und möglicherweise der gesamten Gaming-Branche – ihresgleichen sucht. Wir reden hier nicht von ein paar hundert Stellen, die still und leise gestrichen werden. Insider sprechen von einem Kahlschlag.
Die Gerüchte verdichten sich: Was wir bisher wissen
Mehrere unabhängige Quellen berichten seit Wochen über eine bevorstehende massive Entlassungswelle bei Xbox und Microsofts Spielestudios. Den vorläufigen Höhepunkt der Gerüchteküche lieferte Journalist Jason Schreier, der via BlueSky bestätigte: Die Entlassungen sollen nach dem Ende des aktuellen Fiskaljahres kommen – also ab Juli 2026. Sprich: jetzt, in diesen Tagen.
mein-mmo.de – Jason Schreier via BlueSkyBranchenkenner ordnen das Ereignis als größten Einzelstellenabbau in der 25-jährigen Geschichte der Xbox-Sparte ein – und möglicherweise als das einschneidendste Entlassungsereignis, das die Gaming-Branche je gesehen hat.
Gamereactor.de – Größtes Einzelentlassungsereignis der Gaming-GeschichteGeorge Broussard und die mysteriöse Liste
In dieses Bild passt eine Aussage, die für zusätzliche Unruhe gesorgt hat: George Broussard – ja, der Mann hinter Duke Nukem – behauptet öffentlich, über eine konkrete Liste betroffener Studios informiert worden zu sein. Namen nennt er bislang nicht. Warum auch immer.
Gamereactor.de – Broussard und die ListeKlar ist: Broussard ist keine offizielle Microsoft-Quelle. Er ist kein aktiver Entwickler mehr, kein Journalist, kein Analyst. Trotzdem hat die Branche seine Aussagen breit rezipiert – was einerseits zeigt, wie nervös die Stimmung gerade ist, und andererseits, wie wenig verlässliche Information aus dem Microsoft-Innenleben nach außen dringt. Wenn selbst Broussard mehr weiß als die Öffentlichkeit, läuft da irgendetwas schief mit der Kommunikation.
Historisch gesehen lagen Gaming-Insider in solchen Phasen übrigens erstaunlich oft richtig. Die Schließungen von Arkane Austin und Tango Gameworks im Jahr 2024 wurden ebenfalls vorab gestreut – und niemand hat es ernst genug genommen. Diesmal scheint die Branche kollektiv hellhöriger zu sein.
Microsofts 20-Milliarden-Fehlinvestition: Der finanzielle Hintergrund
Wer verstehen will, warum es jetzt so weit kommen könnte, muss auf die Zahlen schauen. Playfront berichtet von einer rund 20 Milliarden Dollar schweren Fehlinvestition im Gaming-Bereich als eigentlichem Auslöser des Drucks auf die Führungsebene.
Playfront.de – 20 Milliarden FehlinvestitionDer Elefant im Raum ist natürlich die Activision-Blizzard-Übernahme für knapp 69 Milliarden Dollar. Ein historischer Deal – der bislang nicht die erhofften Früchte trägt. Game Pass wächst nicht in dem Tempo, das Microsoft intern prognostiziert hatte. Exklusivtitel kommen entweder gar nicht, zu spät oder landen mit einem lauten Flop. Starfield, Redfall – die Liste der enttäuschten Erwartungen ist lang.
Intern soll laut Playfront Asha Sharma, Leiterin von Xbox Game Studios, die Reißleine gezogen haben. Was das konkret für die Studiostruktur bedeutet, ist noch unklar. Aber wenn die Chefin selbst sagt "so geht es nicht weiter", dann deutet das auf mehr als kosmetische Korrekturen hin.
Welche Studios zittern? Eine Risikoeinschätzung
Die Studios, die am nervösesten sein dürften, sind die ohne konkret angekündigte Projekte – oder solche, deren Titel immer wieder verschoben wurden. Das Muster aus 2024 ist dabei aufschlussreich: Arkane Austin, Tango Gameworks und Alpha Dog Games wurden geschlossen, obwohl zumindest Tango mit Hi-Fi Rush einen echten Kritikerliebling abgeliefert hatte. Kritikerlob schützt offenbar nicht vor der Axt.
PC Games Hardware – Übersicht StellenabbauGrößere Studios wie The Coalition, Obsidian oder inXile haben zuletzt wenig Konkretes vorzuweisen. The Coalition arbeitet an einem neuen Gears-Titel, aber Details sind rar. Obsidian hat Avowed veröffentlicht – mit gemischter Resonanz. Bethesda steht nach dem Starfield-Debakel besonders unter Beobachtung, auch wenn der Markenname allein noch eine gewisse Schutzfunktion haben dürfte.
Studios, die aktuell an laufenden, öffentlich angekündigten Projekten arbeiten oder starke Marken besitzen, haben zumindest ein gewisses Schutzschild. 343 Industries (Halo), Turn 10 (Forza) und die Teams hinter Call of Duty dürften zur sichereren Fraktion gehören – Microsoft wird die Cashcows nicht schlachten. Aber alles, was nicht direkt an einer dieser Kernmarken hängt, könnte in Gefahr sein.
Mitarbeiter wehren sich: Die menschliche Seite des Kahlschlags
Hinter all den Zahlen und Strategiebegriffen stecken Menschen – und die melden sich gerade lautstark zu Wort. Auf BlueSky und anderen Plattformen berichten betroffene Entwicklerinnen und Entwickler, wie es sich anfühlt, als „Wegwerfware" behandelt zu werden. Wiederholte Entlassungswellen seit 2023 haben das Vertrauen in Microsoft als Arbeitgeber massiv beschädigt.
mein-mmo.de – Mitarbeiter wehren sichDas ist keine Kleinigkeit. Die Gaming-Branche lebt von Kreativität, von Erfahrung, von Teams, die über Jahre zusammengewachsen sind. Wer einmal entlassen wurde und die Unsicherheit kennt, überlegt es sich zweimal, ob er wieder bei Microsoft anheuert. Fachkräfte wandern ab – zu Sony, zu Nintendo, zu unabhängigen Studios, oder sie verlassen die Branche ganz. Dieses institutionelle Wissen lässt sich nicht einfach zurückkaufen.
Es ist ein bitteres Bild: Da kauft Microsoft für fast 70 Milliarden Dollar einen der größten Publisher der Welt, und gleichzeitig können die Menschen, die die eigentlichen Spiele bauen sollen, nicht sicher sein, ob sie nächsten Monat noch einen Job haben.
Was bleibt von Microsofts Gaming-Ambitionen?
Microsoft betont weiterhin sein Commitment zu Xbox und Game Pass. Aber wie glaubwürdig ist das noch, wenn gleichzeitig Studio um Studio auf der Kippe steht? Die wahrscheinlichste strategische Konsequenz ist eine drastische Konsolidierung: weniger Studios, mehr Fokus auf wenige große Marken – Halo, Forza, Call of Duty. Alles andere könnte auf dem Altar der Effizienz geopfert werden.
Play3.de – Bevorstehende EntlassungswelleDie spannendere – und beunruhigendere – Frage ist, ob Xbox als Plattform langfristig überlebt. Oder ob Microsoft sich still und leise in Richtung eines reinen Publishers ohne eigene Hardware bewegt. Die Zeichen dafür gibt es schon: Exklusivtitel erscheinen auf PlayStation, der Game Pass ist auf mehr Geräten verfügbar als je zuvor, und die Konsole selbst verliert an Bedeutung.
Was bleibt? Wenn die angekündigte Entlassungswelle so kommt wie beschrieben, markiert sie mehr als nur einen weiteren schlechten Monat für Xbox. Sie könnte das Ende einer Ära bedeuten – jener Ära, in der Microsoft glaubte, sich mit schierem Kapital an die Spitze des Gamings kaufen zu können. Die Activision-Übernahme war das teuerste Bekenntnis zu dieser Strategie. Dass es jetzt ausgerechnet die kreativen Köpfe sind, die den Preis dafür zahlen, ist das eigentlich Bittere an dieser Geschichte. Spiele entstehen nicht in Spreadsheets – und wer die Studios schließt, die sie bauen, hat am Ende vielleicht die Bilanz gerettet, aber das Produkt verloren.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



