Von Sebastian Kraus7 Min. LesezeitMicrosofts Gaming-Sparte hat bessere Tage gesehen. Sinkende Umsätze, eine Entlassungswelle nach der anderen, und jetzt auch noch ein internes Memo, das den Weg nach draußen gefunden hat – Xbox steckt in einer Krise, die man mit gutem Gewissen als existenziell bezeichnen darf. Mittendrin: Asha Sharma, die neue Chefin einer Abteilung, die ihr Vorgänger Phil Spencer in einem Zustand hinterlassen hat, den Sharma selbst intern als „zu sehr gestreckt" beschreibt. Diplomatischer kann man strategisches Overreach kaum formulieren.
Der Patient liegt auf der Intensivstation
Die Zahlen sprechen eine hässliche Sprache. Xbox schreibt keine schwarzen Zahlen mehr – das hat Sharma intern offen eingeräumt, was für einen Microsoft-Manager schon fast revolutionär ehrlich ist. Sharma bestätigt Unprofitabilität intern Die Umsätze fallen, die Spielerzahlen stagnieren, und der Marktanteil gegenüber Sony schrumpft weiter. Sharma übernimmt keine angeschlagene Abteilung – sie übernimmt eine, die gerade dabei ist, die Kontrolle über ihre eigene Identität zu verlieren.
Das durchgesickerte Memo ist dabei mehr als ein PR-Unfall. Es ist ein Dokument, das zeigt, wie tief die Probleme sitzen. Heise: Internes Memo im Detail Sharma kommuniziert gegenüber ihren Mitarbeitern ungewöhnlich klar: Die Marke ist nicht profitabel, harte Entscheidungen stehen bevor, und der Kurs muss sich grundlegend ändern. Ob das Mut oder Verzweiflung ist? Wahrscheinlich beides. Fest steht: Dieser Moment erinnert fatal an den Launch der Xbox One – jenem Desaster von 2013, das Microsoft jahrelang eingeholt hat. Nur dass die Lage diesmal strukturell tiefer geht.
Der Vier-Punkte-Plan im Detail: Was Sharma wirklich vorhat
Sharma hat keine Zeit für große Visionsreden. Ihr Plan ist pragmatisch, manchmal schmerzhaft direkt – und an vier Punkten aufgehängt, die zusammen so etwas wie eine Notfallstrategie ergeben.
Punkt eins: Die Konsole zurück ins Zentrum. Die Multi-Plattform-Strategie, unter Spencer zur Doktrin erhoben, wird zurückgefahren. Xbox Dynasty: Konsole als Kernidentität Hardware soll wieder das sein, was Xbox definiert – nicht Game Pass, nicht Cloud Gaming, nicht der nächste Port auf PlayStation. Das klingt nach einer Rückbesinnung auf Grundlagen, und genau das ist es auch.
Punkt zwei: Weniger, aber besser. Sharma will Qualität statt Quantität. Das ist implizit eine Kritik an der Activision-Blizzard-Integrationsstrategie, die das Portfolio aufgebläht, aber nicht unbedingt bereichert hat. Wer sich die letzten Jahre Xbox-Releases anschaut, versteht den Punkt sofort. Viele Spiele, wenige echte Highlights.
Punkt drei: Wachstum bis Mitte 2027. Das konkrete Ziel lautet, bis Ende Juni 2027 sowohl Spielerzahlen als auch Umsatz zu steigern – gefolgt von weiteren Wachstumsphasen in den Geschäftsjahren 2028 und 2029. Golem: Wachstumsziele im Detail Das ist ambitioniert. Manche würden sagen: unrealistisch.
Punkt vier: 20 Prozent Stellenabbau. Sharma nennt es „harte Entscheidungen". Kritiker nennen es Kahlschlag. Beides trifft zu. IGN: Entlassungswelle und Budgetkürzungen Ein Fünftel der Belegschaft – das sind keine kosmetischen Einschnitte, das ist eine strukturelle Amputation. Wie viel Kreativität und Erfahrung dabei verloren geht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.
Als kleinen Silberstreif verweist Sharma auf eine Game-Pass-Preissenkung, die intern erste positive Daten liefert. BFCOM: Game Pass Preissenkung zeigt Wirkung Ob das echter Schwung oder Schönrechnerei ist, lässt sich von außen schwer beurteilen. Abonnentenzahlen können steigen, während die Margen sinken – das wäre kein Sieg, sondern ein anderes Problem.
Halo auf PS5: Das Symbol eines gescheiterten Experiments
Wenn man ein einzelnes Ereignis braucht, das die Sackgasse der Spencer-Ära symbolisiert, dann ist es dieser: Halo Campaign Evolved auf PS5 ist gefloppt. Die Verkaufszahlen zeichnen ein ernüchterndes Bild, und das ausgerechnet mit dem Namen, der Xbox einst groß gemacht hat.
Die Logik hinter dem PS5-Release war einfach: Wenn wir unsere stärksten Marken auch auf PlayStation bringen, erschließen wir neue Zielgruppen. Klingt vernünftig. Hat nicht funktioniert. PlayStation-Spieler haben sich nicht massenweise für Halo begeistert – warum auch? Wer Halo mochte, hatte in der Regel schon eine Xbox oder spielte auf dem PC. Wer keine Xbox hatte, hatte oft auch keinen Grund, auf Halo zu warten.
Die Ironie ist kaum zu übertreffen: Ausgerechnet Halo, das Franchise, das die ursprüngliche Xbox überhaupt erst relevant gemacht hat, liefert jetzt das schlagendste Argument gegen die Multi-Plattform-Strategie. Sharma hat diesen Datenpunkt sicher gesehen. Ihre Rückbesinnung auf die Konsole als Kern der Marke wirkt wie eine direkte Konsequenz aus diesem Flop – auch wenn das intern vermutlich niemand so offen sagen würde.
Das Erbe von Phil Spencer: Zu viel gewagt, zu wenig geliefert
Sharma macht Spencers Regime nicht direkt verantwortlich. Aber „zu sehr gestreckt" ist eine Formulierung, die man nicht missverstehen kann. Reddit: Sharma über Spencers Erbe Spencer hat in seiner Amtszeit enorm viel bewegt – Bethesda, Activision Blizzard, die Game-Pass-Expansion. Das Problem: Bewegung ist keine Strategie. Und 69 Milliarden Dollar für Activision Blizzard auszugeben, während die Integration schleppend läuft und die erhofften Synergien ausbleiben, ist keine Investition – das ist ein Glücksspiel mit dem Geld anderer Leute.
Game Pass war Spencers großes Projekt. Die Idee: Masse statt Marge, Spielerzahlen statt Profitabilität, Wachstum auf Kosten kurzfristiger Gewinne. Das funktioniert, wenn man irgendwann die Kurve kriegt. Xbox hat die Kurve nicht gekriegt. Stattdessen hat man jahrelang in ein Abo-Modell investiert, ohne ein nachhaltiges Umsatzmodell dahinterzustellen – und jetzt sitzt Sharma auf den Scherben.
Elf Monate bis Juni 2027. So viel Zeit hat Sharma, um die erste Etappe ihres Plans zu erfüllen. In einem Milliardenkonzern, mit einer Belegschaft im Umbruch, gegen eine Konkurrenz, die nicht wartet – das ist kein komfortables Zeitfenster. Das ist Feuerwehrarbeit.
Kann der Plan aufgehen? Eine kritische Bewertung
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Knapp ein Jahr reicht nicht, um eine Gaming-Sparte dieser Größe grundlegend umzubauen. Wachstum bis Juni 2027 ist ein Ziel, das Sharma intern kommunizieren muss, um Orientierung zu geben – aber realistisch betrachtet wird man bis dahin bestenfalls erste Stabilisierungszeichen sehen. Kein Wunder, kein Turnaround.
Die Konkurrenz hilft dabei nicht. Sony baut seinen PS5-Vorsprung kontinuierlich aus, hat mit dem PlayStation-Ökosystem eine treue und wachsende Basis, und liefert regelmäßig Exklusivtitel, die Schlagzeilen machen. Nintendo ist in seiner eigenen Welt mit der Switch 2 – unangreifbar, unbeeindruckt, konsequent. DrWindows: Sharmas Ziele im Überblick Xbox kämpft auf beiden Fronten – und verliert gerade auf beiden.
Was für Sharma spricht: Sie kommuniziert ehrlicher als ihre Vorgänger. Das Memo-Leak wirkt fast wie kalkulierte Transparenz – Vertrauen durch Offenheit, Glaubwürdigkeit durch das Eingestehen von Fehlern. Das ist kein schlechter Anfang. Aber Vertrauen kauft keine Spiele und keine Konsolen.
Das Ziel von einer Milliarde Xbox-Nutzern steht weiterhin irgendwo auf einem Whiteboard in Redmond. Wie man das ohne starke Exklusivtitel und eine klare Konsolenidentität erreichen soll, bleibt unklar. Und die strukturelle Frage, die sich immer öfter stellt, lautet: Ist Xbox als eigenständige Gaming-Marke überhaupt noch zu retten – oder baut Microsoft die Sparte still und leise zu einem reinen Software- und Service-Anbieter um, der irgendwann keine Konsolen mehr braucht?
Fazit: Reset oder letztes Aufbäumen?
Asha Sharma verdient Respekt. Nicht weil ihr Plan revolutionär wäre – das ist er nicht. Er ist solide, er korrigiert echte Fehler, und er setzt an den richtigen Stellen an. Aber er ist kein Aufbruch in eine neue Ära, sondern eine Schadensminimierung nach Jahren des strategischen Overreach. Transparenz allein rettet keine Marke. Ehrlichkeit ist der Anfang, nicht das Ergebnis.
Der entscheidende Test kommt nicht im Juni 2027. Er kommt früher – auf der nächsten großen Messe, wenn Xbox zeigen muss, welche Spiele wirklich kommen. Nicht Ankündigungen, keine Trailer-Montagen, keine Versprechen. Spiele, die Menschen dazu bringen, eine Xbox-Konsole zu kaufen oder ihren Game-Pass-Abo zu verlängern. Das ist die eigentliche Prüfung.
Unsere Einschätzung bei gamingzeit.de: Xbox hat noch eine Chance. Die Marke ist nicht tot, die Ressourcen sind vorhanden, und mit Sharma steht erstmals seit Jahren jemand an der Spitze, der die Probleme beim Namen nennt. Aber das Zeitfenster schließt sich schneller, als es von innen aussehen mag. Und in der Gaming-Industrie wartet niemand auf den, der gerade aufräumt.
Was bleibt? Das Sharma-Memo ist mehr als ein internes Dokument – es ist ein Symptom. Es zeigt, dass Microsoft endlich begriffen hat, was Außenstehende seit Jahren beobachten: Xbox hat seine Identität verloren, irgendwo zwischen Activision-Milliarden, Game-Pass-Experimenten und PlayStation-Ports. Der Vier-Punkte-Plan ist der Versuch, diese Identität zurückzugewinnen. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht in Memos und Pressemitteilungen, sondern in den Spiele-Lineups der nächsten zwölf Monate. Xbox war einmal die Plattform, die mit Halo die Spielregeln neu geschrieben hat. Um wieder relevant zu werden, braucht es nicht den nächsten Halo – es braucht das nächste große Ding. Und das muss Sharma erst noch liefern.

Sebastian Kraus
Sebastian zockt seit über 30 Jahren — vom C64 über die PlayStation 1 bis zum heutigen Gaming-PC. Auf gamingzeit.de schreibt er über Konsolen, PC, Indie und Hardware.



